Die Dynamik der Klasse verstehen

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3. Rollen

Rollen stellen Bündel von Erwartungen dar. Aufgrund von Erfahrungen und Zuschreibungen wird von einer spezifischen Person ein bestimmtes Verhalten erwartet. Diese Erwartungen werden durch die Person selbst und insbesondere durch die Gruppe geprägt.

Durch eine Rolle entsprechender Erwartungen wird das Verhalten einer Person voraussehbar. Aus einer Rolle auszubrechen, erfordert von der Rollenträgerin oder dem Rollenträger selbst den Wunsch und das Bestreben, sich anders zu verhalten und neu zu positionieren. Zudem muss auch die Gruppe bereit sein, der Person eine Veränderung zuzugestehen.

Veränderungen können zudem ungesteuert entstehen. Sie entwickeln sich insbesondere zu dem Zeitpunkt, wenn eine Schülerin oder ein Schüler, die oder der viel Aufmerksamkeit von der Klasse und von der Lehrperson eingenommen hat, die Klasse verlässt. Dabei rückt oft eine andere Schülerin oder ein anderer Schüler nach und nimmt diese Rolle ein.

  • Eine Rolle hat eine individuelle und eine kollektive Komponente.
  • Das Individuum übernimmt eine Rolle. Die Gruppe schreibt ihm diese Rolle zu.
  • Aus einer Rolle geht ein Gewinn für das Individuum und ein Gewinn für die Gruppe hervor.
  • Eine Rolle kann mit Leiden verbunden sein, sowohl für das die Rolle innehabende Individuum als auch für die Gruppe, auch wenn diese dem Individuum die Rolle zuschreibt.
  • Eine Rolle steht in einem dynamischen Gefüge, das zur Festigung einer Rolle und zu ihrer Veränderung beträgt (vgl. dazu Keller-Schneider, 2018, S. 255).

  • Von welchen Rollen ist das Klassengefüge geprägt?
    • Fokussieren Sie auf einzelne Schülerinnen und Schüler oder auf Gruppen von Schülerinnen und Schülern. Beschreiben Sie ihre Rolle, das heisst welches Verhalten von dieser Schülerin oder dem Schüler oder von dieser Gruppe erwartet wird.
  • Beobachten Sie in der Klasse, was sich da tut, damit die Schülerin oder der Schüler oder diese Gruppe sich diesen Erwartungen entsprechend verhält.

Rollen und ihre Bedeutung – Analyse

Die untenstehende Vielfelder-Matrix (Abb. 6) regt dazu an, eine Schülerin oder einen Schüler, beziehungsweise eine Gruppe in ihrer oder seiner Rolle zu analysieren, um damit Veränderungsmöglichkeiten zu erkennen.

  • Nehmen Sie eine Schülerin oder einen Schüler oder eine Gruppe von Schülerinnen und Schüler in den Blick. Beschreiben Sie das Verhalten. Das heisst, konkretisieren Sie, wie sich die Rolle zeigt.
  • Analysieren Sie nun das beschriebene Verhalten nach den in den vier Feldern genannten Aspekten:

Beschreibung des Verhaltens der Schülerin oder des Schülers:


Abb. 6. Rolle und ihre Bedeutungen (Keller-Schneider, 2018, S. 257).


Veränderungen von Rollen mitgestalten

Eine Rolle lässt sich nur dann verändern, wenn durch die Auflösung der Rolle kein Verlust entsteht, weder bei der Schülerin oder beim Schüler noch bei der Gruppe. Der Gewinn, den die Schülerin oder den Schüler oder die Gruppe aus der Rolle zieht, deckt ein Bedürfnis ab. Dieses Bedürfnis muss über eine andere Art erfüllt werden, damit eine Rollenübernahme und eine Rollenzuschreibung abgeschwächt und zunehmend aufgelöst werden kann.

  • Welche Bedürfnisse stehen hinter dem Gewinn, der für die Schülerin oder den Schüler, respektive für die Gruppe aus der Rolle hervorgeht?
  • Wie kann dieses Bedürfnis auf eine andere Art befriedigt werden?
    • Suchen Sie Alternativen.

Diese Alternativen können zu Zielen für Veränderungsprozesse werden (vgl. Keller-Schneider, 2018, S. 260).

  • Leiten Sie Veränderungen ein, nehmen Sie dabei sowohl der Schülerin oder dem Schüler als auch die Klasse in den Blick:
  1. Beschreiben Sie das Ziel. Was soll möglich werden?
  2. Beschreiben Sie den aktuellen Stand. Beziehen Sie sich dabei sowohl auf die Schülerin oder den Schüler, welche oder welcher in einer Rolle steckt, als auch auf die Klassen, welche zur Rolle beiträgt. Was tut die Schülerin oder der Schüler?
    • Was tut die Klasse?
  3. Was kann die Schülerin oder der Schüler tun, damit sie oder er sich auf das Ziel hinbewegt?
    • Welche konkreten Verhaltensweisen könnte es zeigen?
  4. Was kann die Klasse tun, um der Schülerin oder dem Schüler eine Veränderung zu ermöglichen?
  5. Welche Veränderungen zeigen sich?
  6. Loben Sie die Schülerin oder den Schüler, beziehungsweise die Gruppe, sobald sich Veränderungen in die gewünschte Richtung zeigen.


  • Keller-Schneider, M. (2018). Impulse zum Berufseinstieg (Kap. 5). Bern: hep.
  • Langmaack, B. & Braune-Krickau, M. (2007). Wie die Gruppe laufen lernt. Anregungen zum Planen und Leiten von Gruppen; ein praktisches Lehrbuch. Basel: Beltz.
  • Langmaack, B., Braune-Krickau, M. (2007). Wie die Gruppe laufen lernt. Anregungen zum Planen und Leiten von Gruppen; ein praktisches Lehrbuch. Basel: Beltz.
  • Philipp, E. (2006). Teamentwicklung in der Schule. Konzepte und Methoden. Basel: Beltz.
  • Schweer, M., Thies, B. & Lachner, R. (2017). Soziale Wahrnehmungsprozesse und unterrichtliches Handeln. Eine dynamisch-transaktionale Perspektive. In M. Schweer (Hrsg.). Lehrer-Schüler-Interaktion (S. 121-146). Springer: Wiesbaden.
  • Stahl, E. (2007). Dynamik in Gruppen. Handbuch der Gruppenleitung. Basel: Beltz.
  • Stanford, G. (2002). Gruppenentwicklung im Klassenraum und anderswo. Praktische Anleitung für Lehrer und Erzieher. Neuauflage, Nachdruck. Hahner Verlagsgesellschaft.
  • Weidinger, W., Berner, H. & Isler, R. (2021). Einfach gut lernen. Bern: hep.

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